Wer möchte nicht den Wald der Deutschen lieben!

Benno Hurt

Eine Familie zwischen verdrängter Schuld, gesellschaftlichem Aufstieg und dem verzweifelten Versuch, in der neuen Bundesrepublik ihren Platz zu finden.
Deutschland 1962. Das Wirtschaftswunder ist in vollem Gang, doch an der Familie Kirsch scheint der Aufschwung vorbeizugehen. Richard Kirsch hatte im Dritten Reich seine Stellung verloren, weil er sich den Nationalsozialisten widersetzte; nach dem Krieg verliert er erneut seine Arbeit, als er mit seinem früheren Vorgesetzten aneinandergerät, der inzwischen wieder fest im Amt sitzt. Trotzdem glaubt Richard unbeirrt an Adenauer, Erhard und den gesellschaftlichen Aufstieg. Seine Kinder ziehen aus den Erfahrungen der Eltern jedoch ganz unterschiedliche Konsequenzen: Horst verweigert sich nach einem glänzenden Abitur den Erwartungen des Vaters, der fünfzehnjährige Bursch versucht sich buchstäblich durchs Leben zu boxen, und Judith setzt auf ihre Verbindung mit dem wohlhabenden Jungunternehmer Roman Klett.

Der schwerkranke Lutz kehrt nach Hause zurück. Schon als Schüler hatte er sich geweigert, über das unverfängliche Thema „Wer möchte nicht den Wald der Deutschen lieben!“ zu schreiben, und stattdessen den Eichmann-Prozess und die verdrängte deutsche Schuld behandelt. Nun recherchiert er als Journalist über alte Nazis, eine geplante rechtsradikale Partei und die Vergangenheit der Familie Klett, deren Modehaus während des Nationalsozialismus einer jüdischen Familie abgenommen wurde. Während Lutz trotz seiner Leukämie an seiner Enthüllungsgeschichte festhält, will Judith um jeden Preis gesellschaftlich aufsteigen. Am Ende zerbricht auch Richards Hoffnung auf einen beruflichen Neuanfang. Während aus dem Radio Ludwig Erhards Wirtschaftswunder-Botschaft ertönt, schlägt Richard verzweifelt auf den Sandsack ein – ein bitteres Schlussbild einer Gesellschaft, die nach vorne blickt, ohne ihre Vergangenheit bewältigt zu haben.
2D 7H
Schauspiel
UA: 1991, Städtischen Bühnen Regensburg