Eine Gruppe von Juden auf dem Todesmarsch nach Mauthausen beschließt die Operette „Wiener Blut“ einzustudieren.
Ein Requiem zwischen Komik und Grauen. In der Volksoperette wird das Schicksal jüdischer Häftlinge, die im Frühjahr 1945 durch Österreich getrieben wurden, aus der Versenkung geholt. Das Stück erzählt den komischen, lächerlichen, berührenden Versuch, mit der Idee der Kunst zu überleben.
ausführliche Beschreibung
Ende April 1945: In Wien wird die Provisorische Regierung der wiedererrichteten demokratischen Republik Österreich ausgerufen. Auf der Ringstraße vor dem Parlament tanzen junge Wienerinnen mit russischen Soldaten Walzer.

Zur selben Zeit in der österreichischen Provinz: Eine Gruppe von ungefähr zwanzig Juden lagert auf ihrem von der SS erzwungenen Fußmarsch Richtung Mauthausen in einer Scheune. Die SS-Wachmannschaft ist verschwunden, die Juden wissen nicht, wie es weitergeht. Sie sind am Ende ihrer Kräfte, der Hunger und die Kälte setzen ihnen noch weiter zu. Immer wieder wird von außen auf die Scheune geschossen: von Volkssturmleuten und Jägern. In dieser Situation beschließt ein Häftling, der Operettensänger Lou Gandolf aus Budapest, gemeinsam mit seinen Leidensgenossen und ein paar Bewohnern des nahegelegenen Dorfes, die ihnen unter Lebensgefahr Essbares in die Scheune bringen, die Operette „Wiener Blut“ einzustudieren.

Das Ende dieses Alptraums scheint nicht in Sicht. Bedroht von allen Seiten, und der Willkür ihrer Bewacher ausgesetzt, probt die verzweifelte Truppe täglich für den großen Auftritt. Es fehlt ihnen an allem, an Instrumenten, an Kostümen, an Kraft. Doch mit den Walzerklängen auf demolierten Tasten und saitenarmen Instrumenten wächst die Hoffnung auf eine Zukunft. Als ein Hitlerjunge den Tod des „bis zum letzten Atemzug für Deutschland kämpfenden“ Adolf Hitler meldet, hebt Gandolf den Taktstock zum Finale. Der letzte Akt holt den ersten ein, und die seligen Walzerklänge fügen sich zur Todesmelodie.
„Wie der Extrem-Schrammelmusiker Neuwirth Walzerseligkeit harmonisch und rhythmisch dekonstruiert sucht seinesgleichen. Ihm gelingt das Kunststück der Angemessenheit: ein grausiges, anrührendes Requiem im Dreivierteltakt.“
Ulrich Weinzierl, Die Welt, 14. März 2007
„Roland Neuwirth hat die ideale Grundierung aus schrägem Walzerklang und modernistischer Salonmusik geschaffen.“
NEWS, 15. März 2007
„Dialoge, Personen und Charaktere der perfekt gebauten Groteske zeigen, dass hier zwei Meister am Werk waren. Auf der Basis exakter Recherche entfaltet sich das ganze dramatische Bukett aus Mitläufertum, Menschlichkeit, Bauernschläue und jüdischem Witz, aus Realismus und Schein. An eben dieser Bruchlinie schrammt die Musik von Roland Neuwirth entlang: Die satte Süße der Strauß-Operette 'Wiener Blut' stößt an den Klang einer abgründigen Welt, in der sich schräger Walzer, Bitterkeit und Zitate von Franz Schubert finden.“
Uschi Loigge, Kleine Zeitung, 10. März 2007
„Silke Hassler und Peter Turrini erzählen diese 'Volksoperette' aufrüttelnd. Schonungslos berichten sie von Schicksalen, vermeiden jede Patina sentimentaler Rührseligkeit. Ein wichtiges, ein unverzichtbares Stück, untermalt von der Musik Roland Neuwirths. Dieser punktet vor allem in den orchestral angelegten Zwischenspielen. Scheinbare Operettenseligkeit vermischt mit Wiener Schrammelmusik und gekrönt durch Ausritte in die Kunst heutiger Improvisation.“
Oskar Tonkli, Wiener Zeitung, 10. März 2007
3D 8H
Nebenrollen
Operette
UA: 08.03.2007, Stadttheater Klagenfurt