um: hausen

Ein Dorf sucht ein Phantom

Martin Plattner

Eine Todesliste lässt das kleine Dorf Umhausen außer Kontrolle geraten
Wer dich quält, den schreibe auf eine Liste und sende sie aus an die Weiler des Dorfs
Der höchst makabre Streich einer in Umlauf gebrachten Todesliste lässt das kleine Dorf Umhausen außer Kontrolle geraten. Mehr als zwanzig BewohnerInnen sollen an ein und demselben Tag ermordet werden. Auf der Suche nach dem oder der Mörder:in setzt ein kollektives Irrlichtern durch ein Dickicht aus Vorverurteilungen und jahrzehntelangen Konflikten ein. Eines der Opfer entpuppt sich als das Phantom. Eine wahre Ausgangsgeschichte, die Plattner zu einer sprachlich fulminant gearbeiteten Menschenstudie auf die Theaterbühne bringt.
ausführliche Beschreibung
Eine mysteriöse Todesliste sorgte 2004 in dem kleinen Ötztaler Ort Umhausen für großes Aufsehen. Die Drohbriefe waren mit blutverschmierten Grüßen signiert und lösten eine allgemeine Hetzjagd aus. Die Täterin entpuppte sich als getarntes Opfer, das sich zur Vermeidung von Verdacht selbst enormen Schaden zufügte, sowohl körperlich als auch materiell.

Die selbstzerstörerische Akribie von Täterin und Opfer in einer Person, die Umhausen in Atem hielt, war der zündende Moment für Martin Plattner, das mediale Ereignis in eine Collage dörflicher Abgründe zu verarbeiten. Plattners theatrale Umsetzung um:hausen kreist um die Suche nach einem mörderischen Phantom, das Menschen und Postkartenidylle zu zerstören droht, und eröffnet in der Enge der Bergtäler ein Universum der Ausgrenzung. Plattners Text geht über den realen Thriller hinaus, er ortet die Bedrohung in der Sprache. Und der Sprachlosigkeit.

Martin Plattners Blick auf die Isolierten und Ausgegrenzten ist tief und erzeugt Verstörung. Vernachlässigte Frauenfiguren werden zu seinen Hauptrollen. Die 41-jährige Linkshänderin und Nichtwählerin, die nie gehört wurde, die nie reden durfte. Ein „nichtendes Nicht“, dem die Gemeinschaft mit einem „Halts Maul!“ das Maul stopfte. Die ersten fünfzehn Jahre ihres jünger ausschauenden Lebens hat sie mit Mundhalten und Zuhören verbracht, dabei verspürte sie immer schon Sprachdurst und Worthunger. Im dunklen Schweigen aufgewachsen, erfreut sie sich an den spitzen Tönen der Sterbeglocken. NAME GESCHWÄRZT wohnt mit der pflegebedürftigen MAMA, die nach ihrer Häkelnadel sucht, im alt gewordenen Haus der hinweggealterten Kindheit. Das Haus soll ihnen vom amtsführenden Gemeindekasperl weggenommen werden, zwecks Errichtung einer Kläranlage zur Dorferneuerung. So wie die anderen verängstigten Adressaten erhalten auch MAMA und NAME GESCHWÄRZT Briefe mit kaltfüßigen Grüßen. DER REST VOM SCHÜTZENFEST ruft zur fidelen Hetzjagd nach dem landstreichenden Schlächter, der Hausfrauen, Hoteliers und Pistenbetreibern ans Kopffleisch will. Der Gerichtsgutachter verhört MAMA, in deren Oberschenkel die Häkelnadel steckt. Das Haus, in dem nicht einmal ein Radio die Stille durchbrochen hat, wurde abgefackelt. Aus der geplanten
Kläranlage wird ein Park. MAMA sitzt auf einer Bank, just auf dem Platz, an dem früher ihr Pflegebett stand. Wo ist NAME GESCHWÄRZT? Existiert sie gar nicht? Spricht da eine Tochterstimme aus der Mutterstimme? Das ganze Dorf rennt, es brennt ihm was auf der Seele. Die Jagd nach dem Warum soll das Schweigen durchbrechen. Zumindest so lange, bis die nächste Katastrophe im übernächsten Dorf die aktuelle überbietet. Und dann kommt wieder das Größte: das Schweigen.
variabel
Schauspiel
UA: 24.06.2014, Tiroler Dramatikerfestival/Freies Theater Innsbruck
zur Verfilmung empfohlen