Die Freiheit des Narren

Hans Heinrich Formann

Was als Befreiung beginnt, endet in Abhängigkeit, Zerstörung und Wahnsinn.
Ein Narr glaubt, die Freiheit gefunden zu haben: Vor den Augen des Publikums zertrümmert er Blumentöpfe und erklärt die Scherben zum Beweis seiner Befreiung von allen bürgerlichen Zwängen. Eine Gruppe junger Außenseiter bestärkt ihn in diesem radikalen Freiheitsbegriff. Selbst der Tod eines Freundes, dem sie bei seinem wiederholten Suizidversuch bewusst keine Hilfe geleistet haben, gilt ihnen als geglückte Befreiung. Auch Sexualität, Provokation und Gesetzesbruch werden zu Mitteln, sich vom verachteten Bürgertum abzugrenzen.

Als ein Manager erkennt, dass sich die demonstrative Freiheit des Narren vermarkten lässt, nimmt er ihn unter Vertrag: Die zertrümmerten Blumentöpfe sollen als kostbare „Dokumente seiner Freiheit“ verkauft werden. Der Narr merkt nicht, dass er sich damit gerade jener Abhängigkeit ausliefert, gegen die er rebelliert. Erst als er in einem der Töpfe eine lebende rote Blume entdeckt, verliert die Zerstörung für ihn ihren Sinn. Doch Gruppe und Manager verlangen weiterhin seine alte „Freiheit“. Unter dem Druck zerstört er schließlich auch die Blume und verfällt dem Wahnsinn. Zurück bleiben nur Scherben – und die Erkenntnis, dass sein vermeintlicher Kampf um Freiheit ihn vollkommen unfrei gemacht hat.