Der Diener zweier Herren

frei nach "Il servitore de due patroni" von Carlo Goldoni

Peter Turrini / Carlo Goldoni

„Vielleicht ist der Tod im Karneval auch nur ein Spaß?“
Venedig anno 1920, am letzten Tag des Karnevals. Der alte Arlecchino springt in den Kanal, der obdachlose Kriegsveteran Colluscio schlüpft in die Kleider des Selbstmörders und wird zum Diener zweier Herren, die ihre mafiosen Geschäfte treiben. Goldonis Truffaldino, der mit Witz und Schläue die Mächtigen manipuliert, wird in Turrinis radikaler Neufassung zum Spielball derer, die er normalerweise verhöhnt. Trotz aller Tragik dominiert nach dem Motto "möglichst wenig Philosophie- möglichst viel Spaghetti" die Komödie!
ausführliche Beschreibung
Dienstag, 17. Februar 1920, der letzte Tag des Karnevals. Der alte, zynisch gewordene Arlecchino hat begriffen, dass die Zeit des Hanswursts vorbei ist. Er entledigt sich seiner Kleider und springt in den Kanal. Dort, am Rande sitzt der obdachlose Kriegsveteran Colliusco, schlüpft in die Kleider des Selbstmörders und übernimmt dessen Part. Der Kostüm- und Generationswechsel ist vollzogen, der junge Arlecchino zieht mit dem ergatterten Narrengewand seines traurigen Vorgängers los. Aus Hunger wird er Diener des angeblichen Geschäftsmannes Federigo Rasponi, der bei dem Transportunternehmer und Mitglied der Katholischen Moralkommission Sacchi Schulden einfordert: fünf Millionen und die Hand von Sacchis Tochter Clara. Da Arlecchino weder Lohn noch Essen erhält, begibt er sich in die Dienste eines zweiten Herren, des flüchtigen Mörders Florindo Aretusi. Es stellt sich heraus, dass Sacchi, der die Maske des Pantalone trägt, sein Geld mit illegalen Transportgeschäften nach China verdient. Er lässt in Venedig verstorbene Chinesen einfrieren und gegen Wucherpreise zum Begräbnis nach Shanghai rückverschiffen. Immer tiefer wird der hungrige Diener in die kriminellen Machenschaften seiner Arbeitgeber hineingezogen. Doch die Reichen beherrschen das Austricksen perfekter. Der arme Narr im Gewand des Selbstmörders, soll sich vor Gericht als Mörder ausgeben, um Aretusi zu decken. Am Ende bleibt Colliusco übrig, ein Überlebenskünstler als hungriger Versager, während die anderen das Geschäft mit den Tiefkühlchinesen machen.

Turrini verlegt die Karnevalsgesellschaft aus dem Venedig des 18. Jahrhunderts in das erste Drittel des zwanzigsten. Sein „Diener zweier Herren“ ist ein Spiel der Masken und Rollen. Der Geschäftsmann Rasponi ist in Wahrheit eine Frau, und der Mörder Aretusi schlüpft zur Tarnung in Frauenkleider. Nur Brighella, der Wirt, trägt aus Geschäftsinteresse immer eine Maske. Die Karnevalsgesellschaft singt obszöne Spottlieder in der Originalsprache, die „Canti delle Osterie“. Die Arlecchino-Figur der Commedia dell‘Arte hält dank ihrer Schläue und Redegewandtheit die Fäden in der Hand und hält die Reichen und Mächtigen zum Narren. Turrinis Arlecchino, ist weder witzig noch besonders geistreich, er ist ein Unterprivilegierter, der zum Spielball derer wird, die er normalerweise verhöhnt. Doch bei aller menschlichen Tragik dominiert die Komik.
4D 7H
Komödie
UA: 15.11.2007, Theater in der Josefstadt

Credits

Von Peter Turrini, frei nach Goldoni