Ein Bogen Seidenpapier

Erika Mitterer

Ein Bogen Seidenpapier wird zur Brücke zwischen drei zerstrittenen Generationen.
Wien in den 1950er-Jahren: In einer kleinen Tabaktrafik scheint die Welt des alten Oberstleutnants noch fest gefügt. Pflichtbewusstsein, Autorität und moralische Grundsätze bestimmen sein Denken. Seit Jahren hat er jeden Kontakt zu seiner Tochter Clementine abgebrochen, weil er ihr die Ehe mit einem Mann nicht verzeihen konnte, den er ablehnte. Als Clementines sechzehnjährige Tochter Trixie nach einem Skandal aus ihrem Internat flieht, sucht sie ihren Großvater auf. Doch auch ihr gegenüber hält er zunächst an seiner Unversöhnlichkeit fest.

Nach und nach kommen die alten Verletzungen und Versäumnisse der Familie ans Licht. Zugleich prallen die Wertvorstellungen der älteren Generation auf die einer Jugend, die sich von überkommenen Autoritäten zu lösen beginnt. Trixie erinnert den Großvater daran, wie er ihr als Kind aus einem Bogen rosa Seidenpapier Figuren schnitt – und zwingt ihn damit, sich seiner eigenen Härte zu stellen. Am Ende finden Großvater und Enkelin zueinander; das Seidenpapier wird zum Symbol für Erinnerung, Zuneigung und die Möglichkeit eines Neuanfangs.

Die 1950er-Jahre sind dabei mehr als bloße Kulisse: Mitterer zeigt eine Nachkriegsgesellschaft zwischen traditionellen Moralvorstellungen und gesellschaftlichem Aufbruch. Auch die Rezeption der Uraufführung hob hervor, dass das Stück typische Probleme der 50er-Jahre mit einem zeitlosen Generationenkonflikt verbindet.
6D 4H
Schauspiel
UA: 21.10.2003, Freie Bühne Wieden, Wien; Regie: Gerald Szyszkowitz