Die Maria und der Mohamed

Folke Braband

„Nein, nein, das kannst du vergessen. Das mache ich alles selber.“
Maria war ihr Leben lang eine selbstbestimmte Frau. Die betagte Witwe lebt seit vielen Jahren allein, umgeben von ihrem geliebten Garten. Obwohl der Körper zunehmend schwächer wird, wehrt sie sich wortgewandt gegen Bevormundung und verweigert jegliche Hilfe, zu der ihre Tochter Hanna sie überreden will. Nancy, eine professionelle Pflegerin, die bisher auch mit dem schwierigsten Fällen klargekommen ist, verlässt nach kurzer Zeit verzweifelt das Haus.

Auch Mohamed, einem Schützling Hannas aus der Flüchtlingsbetreuung, begegnet Maria zunächst mit Ablehnung und kritischen Worten zur Einwanderungspolitik. Doch unter der rauen Schale wird nach und nach eine lebenskluge und mitfühlende Frau sichtbar. Während Maria und Mohamed - zwei Menschen wie sie unterschiedlicher kaum sein können – sich näherkommen und zu Seelenverwandten werden, regt sich bei Hanna zunehmend Zweifel am Wahrheitsgehalt der Vorgeschichte des jungen Syrers…
ausführliche Beschreibung
Maria, eine starke, selbstbestimmte alte Frau lebt seit dem Tod ihres Mannes alleine mit ihrem geliebten Kater. Der Garten ist ihr Paradies. Mit Blick auf diesen Garten möchte sie sterben. Noch ist es nicht so weit. Aber Marias Körper beginnt zu schwächeln. Geistig ist sie voll auf der Höhe. So wie auch ihre Sturheit ungebrochen ist. Tochter Hanna kündigt der renitenten Mutter den Besuch eines Begutachters zur Einstufung ihres Pflegebedarfs an. Ihre dringliche Bitte, sich zumindest so gebrechlich zu geben, wie sie ist, ignoriert Maria. Wenn ein Gast kommt, springt man auf und serviert Kekse, oder sogar selbstgebackene Makronen. Fazit: Das Pflegegeld wird abgelehnt.

Hanna ist sauer. Sie, die sich in der Flüchtlingshilfe so engagiert und für den traumatisierten Mohamed einsetzt, scheitert bei der eigenen Mutter. Im Alleingang trifft sie eine Entscheidung. Nach einem Spitalsaufenthalt wird Maria von einer Heimpflegerin empfangen. Die kichernde Sprücheklopferin, die versichert, das Kind schon zu schaukeln, blitzt bei Maria gnadenlos ab. Und es dauert nicht lange, da verlässt Nancy, die bis jetzt mit jedem Härtefall fertig wurde, heulend das Haus. Maria sucht sich die Menschen eben selbst aus, die sie um sich haben will.

Eines Tages bringt Hanna ihren Schützling Mohamed mit. Maria betrachtet den syrischen Flüchtling, dessen Wille, die Sprache zu lernen gering ist, anfangs skeptisch. Sie spart nicht mit Kritik an der Asylpolitik: Warum kommen all diese Menschen, wenn sie sich hier nicht integrieren wollen? Warum lassen so viele ihre Familien zurück? Zu ihrer Zeit blieb man, um das Land nach dem Krieg wieder aufzubauen, in das jetzt die Massen hineinströmen. Maria, die überzeugte Grüne und Friedensaktivistin, deren soziale Haltung Hanna geprägt hat, vertritt plötzlich Ansichten, mit denen rechte Parteien Wahlen gewinnen? Die Tochter versteht die Welt nicht mehr.

Umso mehr staunt sie, dass Maria mit dem jungen Syrer das gelingt, was ihr selbst verwehrt blieb. Mohamed taut auf. Er hilft im Garten und bei der Pflege, holt den streunenden Kater heim, tanzt, lernt spielend Deutsch und nimmt Marias Angebot, bei ihr einzuziehen, an. Aber so wie Marias Vertrauen zu dem stillen Einzelgänger wächst, so rühren sich bei Hanna erste Zweifel. Mohameds Asylverfahren steht bevor. Hanna empfindet den jungen Mann immer undurchsichtiger. Sie stößt auf Widersprüche über seine Herkunft. Kommt er wirklich aus Syrien? Ein Verdacht regt sich, den sie nicht wegschieben kann: Sympathisiert Mohamed mit terroristischen Gruppen? Kann sie ihn bei der Mutter lassen?

Maria hat längst in Mohameds Herz geblickt. Sie erfährt seine wahre Geschichte. Und die ist nicht weniger schrecklich als die erfundene. Mohamed bleibt bei ihr. Und er weiß bald mehr über diese bemerkenswerte Frau als ihre Tochter. Menschen wie Maria, für die Anstand und Respekt geltende Werte sind, ticken richtig. Bis zum Schluss. Maria wählt einen Weg, den sie ihrem Mann nicht ermöglichen konnte. In Würde. Eigenwillig. Und im Alleingang.

Dieses Stück ist nicht nur ein genialer Bühnenstoff, es ist filmreif! Folke Braband trifft den heiklen Punkt einer zwischen rechten und linken Scheuklappen geführten Asyldebatte. Abseits oberflächlicher Abstempelungen zu Gutmensch oder Bösmensch kristallisiert sich eine klare Haltung her- aus, die den Blick auf das Wesentliche, das Einzelschicksal, schärft. Im Mittelpunkt steht eine unbestechliche Frau, deren scharfer Verstand und Herz im Einklang sind. Es geht um Flucht, Trauma, Krankheit und selbstbestimmten Tod. Und das in einer klugen Komödie! Wie geht sich das aus? Die Maria und der Mohamed zeigen es!
3D 1H
Komödie
UA: 05.09.2020, Theater Matte, Bern
DEA: 01.10.2021, Hamburger Hoftheater
zur Verfilmung empfohlen