Die Liebe Geld

Daniel Glattauer

„Ihr Geld ist auf Geschäftsreise. Im Ausland. Es ist beschäftigt. Es arbeitet. Es schuftet. Für Sie. Für Ihre Zukunft.“
Alfred Henrich ist verzweifelt. Seit fünf Tagen verweigert ihm jeder Bankomat den Zugriff. Dabei ist sein Konto im Plus. In seiner Bank wird er vertröstet. Sein Geld sei im Moment nicht verfügbar. Es sei auf Reisen. Es arbeite. Für ihn. Und eigentlich gehöre es ihm gar nicht. Es gehöre der Bank. So wie die Firma, in der Henrich arbeitet. Henrich will für seine Frau ein Geschenk zum zehnten Hochzeitstag kaufen. Er braucht Geld. Der Filialleiter rät zu dringenden Einsparungen, verspricht aber Lösungen. Denn was zählt, ist der Mensch. Das ist oberstes Prinzip. Und das Geld? Was zählt das schon im Leben? Ein tiefer Blick in die Seelen der allmächtigen Banker und ihrer ohnmächtigen Kunden. Wäre es nicht eine Komödie von Daniel Glattauer, würde einem das Lachen beinahe vergehen.
ausführliche Beschreibung
Alfred Henrich ist fassungslos. Der Bankomat verweigert ihm den Zugriff. Dabei hat er alles richtig gemacht. Die Einsteckrichtung stimmt, der Magnetstreifen ist nicht defekt, und sein Konto ist im Plus. Henrich versucht es bei einem anderen Automaten. Wieder nichts. Er braucht Geld. Die paar Cents in seiner Tasche reichen nicht einmal für den Diskonter. Und schon gar nicht für ein Geschenk für seine Ulli-Maus zum zehnten Hochzeitstag. Henrich stürmt die Bankfiliale. Seine langjährige Betreuerin Frau Mag. Drobesch begrüßt ihn wie einen Gast im Wellnesshotel. Ihr säuselnder Wohlfühlton nervt ihn. Er will sein Geld. Ja, das sei nicht möglich. Es sei bedauerlicherweise nicht da.

Am nächsten Tag sitzt Henrich im schicken Chefbüro. Dr. Cerny im feinen Nadelstreif gibt sich betont amikal. Er sieht da längerfristig überhaupt kein Problem. Ein bisschen muss er aber schon schimpfen, wenn er sich Henrichs Ausgaben für die Hausrenovierung ansieht. Cerny rät dringend zu Einsparungen. Die Bank liefere eben Lösungen und Ideen für ihre Kunden. Henrich ringt nach Luft. Er braucht Geld. Wenigstens 100 Euro. Die gehören ihm doch, so wie die 40.000 Euro, die er sich redlich erspart hat. Irrtum, korrigiert Cerny. Gar nichts gehört ihm. Alles gehört der Bank. Auch die Firma, in der Henrich angestellt ist. Seit der Finanzkrise 2008 bezahlt sozusagen die Bank sein Gehalt.

Henrich ist mental am Ende. Er kapituliert. Da betritt seine Frau gutgelaunt das Büro. Ulli-Maus hat etwas mitgebracht. Und die Geld ... äh ... die Welt scheint wieder in Ordnung zu sein. Aber nicht lange.

Man will nicht wahrhaben, wie wahr dieses Stück ist. Die Bank fürs Leben! Videowalls, Tablets, Maschinen, aber keine Menschen. Dafür Slogans und liebliche Sprüche bei sanfter Backgroundmusik. Die Ohnmacht des Kunden wird freundlich weggelächelt. Das Geld ist nicht greifbar. Die Menschen auch nicht. Statt Händeschütteln wischt man über den Touchscreen und versinkt mit einem Ticket auf der Wartecouch. Jetzt darf man zum Schalter! Aber kriegt man da noch sein Geld? Oder ist es auf Weltreise? Zum Glück verpackt Daniel Glattauer den ganzen Wahnsinn in eine Komödie. So kann man wenigstens lachen, während man still und heimlich überlegt, ob man sein Geld unterm Polster oder im guten alten Sparstrumpf verstecken soll.
2D 2H
Schauspiel
UA: 24.09.2020, Theater in der Josefstadt/Kammerspiele, Wien
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