Es beginnt immer heute

Beatrice Ferolli

Können zwei Menschen, zwischen denen ein ganzes Leben liegt, eine ernsthafte Liebesgeschichte eingehen?
„Aber wenn Sie so ein Häuptling sind, wieso sitzen Sie hier allein auf dem Berg?“
Können zwei Menschen, zwischen denen ein ganzes Leben liegt, eine ernsthafte Liebesgeschichte eingehen? Die 17-jährige Jen steht eines Tages in der Berghütte, in der sich der berühmte Drehbuchautor Sebastian Sander vor der Welt abgeschottet hat. Der Weg ins Tal ist abgeschnitten. Aus der wetterbedingten Schicksalsgemeinschaft entwickelt sich eine tiefe Zuneigung.

Beatrice Ferolli hat eine hinreißende Liebesgeschichte geschrieben, die gerade um das Wissen ihrer zeitlichen Begrenzung so intensiv ist. Ein Bekenntnis an die Liebe und die Sinnlichkeit spricht aus einer Autorin, die dem Leben offensichtlich mit dem Verstand ihres Herzens folgt und ebenso darüber zu berichten weiß. Tief berührend und doch so leicht und komisch beschreibt sie zwei Menschen, zwischen denen Jahrzehnte liegen. Aller Vernunft zum Trotz bekennen sie sich zu ihren Gefühlen und nehmen sich im Rahmen ihres Zeitfensters alle Freiheiten der Liebe.
ausführliche Beschreibung
Sie lernen sich in Sebastian Berghütte auf 2000 Metern Höhe an der italienischen Grenze kennen. Eines Tages steht sie patschnass in seinem Wohnzimmer und flucht in ihr Handy. Ein Unwetter hat sie in die falsche Richtung, hinauf auf den Berg getrieben, sämtliche Straßenschilder hat sie in der Panik übersehen. Und dass sie mit ihren zarten siebzehn Jahren das Auto gar nicht alleine lenken dürfte, auch. Jennifer ist nicht nur auf der Flucht vor dem Gewitter, sondern auch vor ihrem Manager, mit dem sie ein Foto-Shooting in eisigen Höhen absolviert hat. Sebastian wird Zeuge eines heftigen Streits, bei dem sich das Mädchen von seinem geldgierigen Boss und Lover trennt. Ein It-Girl will sie werden,
eine, die berühmt ist, egal wie, und nichts kann sie aufhalten.

Auch wenn Sebastian Sander, der berühmte Drehbuchautor und Filmregisseur im Umgang mit Menschen aus der Übung ist, so hat er doch ein Gespür für Talente und wittert ganz andere Qualitäten hinter dieser oberflächlichen Fassade. Jen verblüfft den weitaus älteren Mann nicht nur mit saloppen Sprüchen, sondern auch mit ihrem spontanen, ehrlichen Wesen. Er ist seit fünf Jahren nicht mehr ins Tal gefahren, seit dem Tag, an dem seine Familie bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen ist. Versorgt wird er von Ricco, der über Funk mit dem schreibenden Einsiedler in Kontakt ist. Sebastian will sein letztes Drehbuch vollenden. Und sollte er eines Tages das Gefühl haben, nichts
mehr zu versäumen, hat er einen Joker im Apothekenschrank. Jen ist beeindruckt von der Offenheit, mit der er ihr begegnet. So hat sie bis jetzt niemand behandelt. Natürlich hofft sie auf ihre große Chance. Ob ihr der Regisseur zur Karriere als Schauspielerin verhelfen kann?

Sebastian nimmt das fremdbestimmte It-Girl unter seine Fittiche. Da die Straße durch eine Mure ins Tal gerutscht und der Weg somit abgeschnitten ist, muss sie die nächste Zeit ohnehin bei ihm bleiben. Was ihr gar nicht gefällt, denn er fühlt dem It-Girl gnadenlos auf den Zahn und nervt Jen mit denselben Fragen, die sie von Eltern und Schule vertrieben haben. Doch da ist etwas, was anders ist an ihm. Jen tut alles, um ihm zu zeigen, was sie draufhat. Sebastian gibt ihr Schauspielunterricht und legt dem langsam zweifelnden It-Girl Hirn und Herz frei. Und plötzlich ist da etwas, stärker als alle Blitze, die sie in dieses Haus gelenkt haben. Jen, deren Beziehungen zu Männern bis jetzt karriereorientiert waren, ist überzeugt, dass es Liebe ist. Sie meint ihn, den Mann, nicht die Situation der wetterbedingten Schicksalsgemeinschaft. Sebastian hält es für Projektion und kämpft eisern gegen seine Gefühle für die viel zu junge Frau, deren Großvater er sein könnte.

Als Jen den Helikopter, der sie ins Tal gebracht hätte, wegschickt, wird es ernst. Kann und soll man sich auf eine Liebe, die nach menschlichem Ermessen keine Zukunft hat, einlassen? In den nächsten Monaten holen sich die beiden den Himmel auf Erden. Doch es gibt eine Bedingung: Die Geschichte wird ein Ende haben und jeder muss seiner Wege gehen. Aus Jen wird ein neuer Mensch, und Sebastian ist auch nicht mehr der alte. Jeder Monat steht für zehn gelebte Jahre. Doch eines Tages ist die Straße ins Tal wieder befahrbar, und es heißt Abschiednehmen. Können sie ihr Abkommen einhalten? Oder gibt es eine Chance für das ungleiche Paar? Wann, wenn nicht jetzt und heute?
1D 1H
Schauspiel
UA: 06.12.2019, Freie Bühne Wieden, Wien
zur Verfilmung empfohlen