Metropolis oder Das große weiche Herz der Bestie

nach dem Stummfilm von Fritz Lang und Thea von Harbou

Franzobel / Fritz Lang / Thea von Harbou

Fredersen herrscht über Metropolis, eine Stadt, die in oben und unten geteilt ist, ein Sinnbild der Gesellschaft. Oben vergnügen sich die Reichen, unten schuften die Armen. Eines Tages folgt Freders Sohn seiner Liebe Maria und steigt in die Arbeiterstadt hinab. Dort hört er von einer klassenlosen Gesellschaft und will einer der Ihren werden. Der Machtkampf mit dem Vater beginnt. Franzobel hat in franzobelscher Sprachphantasie aus dem Stummfilmklassiker von Fritz Lang und Thea von Harbou eine aktuelle Theaterfassung geschaffen.
ausführliche Beschreibung
Joh Fredersen ist der unumschränkte Herrscher über Metropolis. Von seinem neuen Turm Babel zieht er die Fäden und hat die absolute Kontrolle. Menschen sind für Fredersen nur noch rackernde Hände, Teil einer perfekt durchorganisierten Arbeitsmaschine. Die Bevölkerung der Stadt ist in Klassen unterteilt. Die Arbeiter schuften unter der Stadt und hausen in Massenunterkünften. Die Reichen logieren oben, ihre Söhne in einer eigenen Dependance, dem Haus der Söhne. Sie besuchen die Universitäten, vergnügen sich in einem gigantischen Stadion und wandeln durch die Ewigen Gärten, wo die schönsten Mädchen gezüchtet werden.

Auch Freder lebt im Haus der Söhne, Fredersens einziger Sohn. Eines Tages buchst der eigenwillige Filius aus und steigt in die Arbeiterstadt hinab. Er ist in Maria verliebt, ein engelsgleiches Wesen, das von Liebe und Klassenlosigkeit predigt. Freder kommt von der unteren Welt nicht mehr los. Er sieht die menschenunwürdigen Verhältnisse der Proletarier und beschließt, einer der Ihren zu werden. Fredersen hat für die Flausen seines Sprösslings natürlich kein Verständnis und führt diese Spinnereien auf den Einfluss Marias zurück. Er beauftragt den Erfinder Rotwang zum Bau eines künstlichen Menschen, der Maria wie aus dem Gesicht geschnitten ist und zu Kampf und Zerstörung aufrufen soll. Rotwang wittert seine Chance zum Aufstieg: Er hasst Fredersen und dessen Sohn und hofft, dass Freder an der Liebe zur künstlichen Maria zugrundegeht.

Rotwangs Rechnung scheint aufzugehen. Die Arbeiter folgen den Rufen der Roboter. Maria und verwüsten die Stadt. Zu spät erkennen sie, dass die Überschwemmungen in Folge der Zerstörung ihre eigenen Kinder in Gefahr bringen. Und wer ist Schuld? Maria. Sie finden die unheilbringende Doppelgängerin und verbrennen sie. Die echte Maria rettet mit Freder die Kinder. Rotwang wird bei einem Kampf mit Freder getötet. Die Bewohner von Metropolis scheinen geeint, der Weg ist frei für eine klassenlose Gesellschaft. Hel, die unerlöste Erzählerin hat im „Prolog zum Unheil“ eine Revolution der Massen angekündigt. Ein Arbeiter ruft am Ende zur Revolution des einzelnen Individuums auf.

Franzobel zielt auf die Auswüchse des heutigen Körperkults. Der Mensch als Humankapital: Eine Prothese für virtuelle Phantasien, angefüllt mit Imitaten – die nur noch Körperinszenierungen im Kopf hat, aber kein Interesse mehr für das, was alle Körper zusammenhält. Nicht für die Gesellschaft und die Wunden der Geschichte, die Revolution. Franzobel hat aus dem Stummfilmklassiker eine politisch und gesellschaftlich aktuelle Bühnenfassung geschaffen. Eine durch und durch Franzobelsche Version: Denn die weltbekannte Geschichte bleibt in ihrer Grundstruktur weitgehend unberührt, wird jedoch in die eigene Sprach – und Gedankenwelt Franzobels umgesiedelt. Die Figuren greifen mitunter tief in die Kiste des nestroyschen Wortschatzes und scheinen sich zwischen prallem Volkstheater und futuristischer abgehobener Atmosphäre durchaus daheim zu fühlen.
„ein kühnes Unternehmen, das glückte … eine ideenreiche Überschreibung“
Barbara Petsch, Die Presse, 19. Juni 2014
„In Franzobels modernem Märchen … treffen Gier und blindes Wüten auf die ehrliche Sehnsucht nach Erlösung, prallen Wollust und Prahlerei auf die Hoffnung nach dem Paradies.“
ORF, 11. August 2014
2D 9H
Schauspiel
Das Stück ist als Buchausgabe im Passagen Verlag erschienen. (ISBN 978-3-7092-0128-2)
UA: 18.06.2014, Sommerspiele Melk, Regie: Alexander Hauer